D.Mitzinger—Yoga in Prävention und Therapie Deutscher Ärzte Verlag ISBN-978-3-7691-0567-4
Tinnitus
Im Folgenden wird eine Beschreibung der Tinnitus-Erkrankung aus dem Buch „Ohrgeräusche: psychosomatische Aspekte des komplexen chronischen Tinnitus" zitiert: Komplexer chronischer Tinnitus ist ein Störungsbild, unter dem 600000 bis 800 000 Menschen in Deutschland leiden. Dabei vernehmen die Erkrankten Pfeiftöne und Brumm- und Zischgeräusche, die aus einem oder beiden Ohren oder dem Kopf zu kommen scheinen. Von außenstehenden Personen können diese Geräusche und Töne nicht wahrgenommen werden und auch keinen erkennbaren äußeren Schallquellen zugeordnet werden. Bei der Mehrzahl der Betroffenen treten die Geräusche kontinuierlich auf, jedoch gibt es auch Berichte von Patienten, bei denen die Lautstärke der Geräusche während des Tages oder der Wochen gewissen Schwankungen unterliegt. Zudem gibt es auch Betroffene, bei denen der Tinnitus anfallweise auftritt und dann für einige Tage gänzlich verschwindet. Hauptsächlich wird das Geräusch auf beiden Ohren gehört. Circa ein Drittel der Erkrankten hört die Geräusche nur auf einem Ohr, vorzugsweise dem linken. Viele Betroffene schämen sich für ihre Krankheit, da sie von anderen Personen nicht wahrgenommen werden kann und sie somit oft als Einbildung und der Patient als psychisch labil oder anderweitig abnormal abgestempelt wird. Der Tinnitus hat vielfältige Ursachen. Angefangen bei chronischen Lärmschädigungen, akuten Knallverletzungen des Gehörs, Hörsturz und anderweitigen Erkrankungen, kann in seltenen Fällen auch ein Hirntumor Auslöser einer Tinnitus-Erkrankung sein. Zudem tritt Tinnitus auch bei Durchblutungsstörungen im Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen oder hohem Blutdruck auf. Des Weiteren können Störungen im Kiefergelenkbereich, das häufig verbreitete Zähneknirschen und traumatisch oder chronisch bedingte Muskelverspannungen, die zu degenerativen Veränderungen der Halswirbelsäule führen, einen Tinnitus verursachen oder einen bestehenden Tinnitus verstärken. Zuletzt kann auch eine psychologische Ursache in Form eines akuten oder länger zurückliegenden Traumas nicht ausgeschlossen werden. Liegt der Verdacht eines psychisch mitverursachten Tinnitus nahe, wird zusätzlich zu einer konventionellen Therapie mit Medikamenten, technischen Hilfsmitteln wie Hörgerät und Masker oder Operationen auch eine Gesprächstherapie bei einem Psychologen in Betracht gezogen.
Anamnese
Auffallend bei der Anamnese an Tinnitus erkrankter Menschen ist das Vermeidungsverhalten bezogen auf äußere Stille, was jedoch angesichts der Tatsache, dass die Wahrnehmung des Tinnitus-Geräusches gerade in dieser Situation am intensivsten ist, mehr als verständlich. Je erfolgreicher der Tinnitus-Patient Stille meidet, desto weniger gibt er sich selbst jedoch die Gelegenheit, Ruhe zu finden, sodass sich seine Nervenzellen erholen können. Ohne die Erfahrung von Reizarmut werden die Zellen immer gereizter und senken ihre Reizschwelle immer weiter, was wiederum rückgekoppelt auf die Aufrechterhaltung des Tinnitus einwirkt.
Therapeutische Schlussfolgerungen und Maßnahmen
Zur Unterbrechung dieses Kreislaufs (Vermeidung von Reizarmut - Herabsetzung der Reizschwelle für die Nervenzellen -Aufrechterhaltung des Tinnitus) wird im therapeutischen Kontext eine Konfrontation mit Stille notwendig. Diese Konfrontation ist erst nach Durchführung einiger Vorbereitungen möglich
Erste Vorbereitung: Wahrnehmung ohne Bewertung
Es ist von großer Bedeutung, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass die Intensität der Bewertung dessen, was man wahrnimmt, eine erhebliche Reizung des Nervensystems darstellt und bewirkt. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Wahrnehmung mit Kontrollverlust und die mit dem Kontrollverlust entstehende Angst. Auch in diesem Fall steht letztendlich die Angst als bewertende Reaktion im Mittelpunkt und bewirkt eine weitere Destabilisierung auf neuronaler Ebene.
Zweite Vorbereitung: Keine Konzepte
Die Patienten haben ein Konzept vom Tinnitus: Sie betrachten den Tinnitus als Ding oder mechanischen Defekt, der vermeintlich zu lokalisieren ist. Ein Tinnitus ist jedoch in erster Linie ein Rechenproblem im Gehirn: Das Gehirn ist vorüber gehend nicht in der Lage, physikalisch nicht vorhandene Geräusche herauszurechnen. Durch die Vergabe einer Diagnose und die dadurch erzeugte Verdinglichung entsteht eine immer stärkere Tendenz zugunsten der Aufrechterhaltung.
Dritte Vorbereitung: Beschreibung des plausiblen Erklärungsmodells
Durch Herstellung eines eigenen Geräusches möglichst nahe an der Frequenz des Tinnitus erhält das Gehirn die Gelegenheit, über Lernprozesse zu unterscheiden, welches von den Signalen in der Hörbahn real durch die eigene Stimme hergestellt ist und welches nicht. Durch die fortschreitende Unterscheidungsleistung kann das Gehirn schließlich das nicht vorhandene Geräusch erfolgreich herausrechnen, und es kommt zu einer erfolgreichen Kompensation des Tinnitus: Das Tinnitus-Geräusch wird geringer oder beginnt sich ganz aufzulösen.
Vierte Vorbereitung: Was ist OM?
OM mit all seinen Obertönen ist die reine Präsenz von Bewusstsein in Form von Klang im Raum. In der Philosophie des Yoga ist das OM eine bedeutsame Meditationsform, die zum Ziel hat, eine Identifikation mit dem reinen Klang aufzubauen und dabei die alte Identifikation mit der Körperlichkeit des Patienten vorübergehend zu verlieren. Diese neue Identifikation entsteht durch die Konzentration auf den Klang. Bewertungen und Ängste treten in den Hintergrund, der Übende ist zunehmend einverstanden mit der Identifikation mit dem Klang. Kommt der Klang in die Nähe der Frequenz des Tinnitus, wird der Tinnitus als Klang neu konditioniert. Die aversive Reaktion auf diesen Klang wird abgebaut und stattdessen eine erholsame Entspannungsreaktion aufgebaut. Gleichzeitig hat das Hörzentrum nun einen Signaleingang vom Sprachzentrum, der mitteilt, dass jetzt tatsächlich ein reales Geräusch hergestellt wird. Das Hörzentrum kann nun den Tinnitus vom OM trennen, den Tinnitus herausrechnen und ihn später kompensieren.
Durchführung des OM
Die nun folgende Übungsanweisung setzt voraus, dass der Lehrer dem Übenden eine bestimmte Version des OM beibringen kann. Bei der im Folgenden beschriebenen Version handelt es sich um die tantrische Form der OMRezitation, die das Erzeugen von Obertönen mit einschließt. Durch das Erzeugen von Obertönen ist annähernd gewährleistet, dass die vorhandenen Tinnitus-Frequenzen mit abgedeckt werden.
Anleitung zum OM nach Andre van Lysebeth
„Wie aber soll man ohne Einführung dieses tantrische OM finden? Ich will versuchen, es zu vermitteln: Man öffnet den Mund weit, gähnt und stimmt ein Aaa an, so als wollte der Arzt den Hals untersuchen oder als gurgelte man. Die Zunge sinkt ganz auf den Boden des Mundes, der sich leicht schließt, um ein Ooo zu formen. Der Laut wird nun zu einem tiefen, von einem Ooo gefärbten Aaa, er ist also weder ein klares und deutliches A noch ein 0. Er entsteht irgendwo zwischen Ohren und lässt Gaumen, Schädel und Brustkorb vibrieren. Wenn man eine Hand flach auf das Brustbein legt, kann man ihn sehr gut fühlen. Je tiefer er sitzt, desto stärker schwingt der Brustkorb. Noch immer bei geöffnetem Mund wird die Zunge nach hinten und unten geführt, um die Stimmritze zu schließen. Das 0 hört auf, und der Laut geht in ein Mmm über. So ist also das tantrische 0 kein richtiges 0 und das M ist auch kein richtiges M, aber es wird ausgesprochen wie das nasale Ng in lang. Dieses Ng lässt Nasenflügel, Schädeldecke und Brustkorb vibrieren. Man muss übrigens nach der größtmöglichen Schwingung suchen. Ich fahre fort, indem ich nun noch immer mit geöffneten Mund - das Ng ganz allein vibrieren lasse-. Der Laut ist rein nasal, schädelig. Dann, mit einer leichten Vorwärtsbewegung der Zunge, bildet das Ao sich wieder und erfüllt den Raum um mich herum ... Das Ng ist kontinuierlich, das Ao alternierend. Es ist also nicht so, dass die beiden Laute einander ablösen, vielmehr überlagern sie sich." Wird das OM auf diese Weise mit immer weniger Luftstrom durchgeführt, entstehen die Obertöne. Die Obertöne werden mit etwas Übung in die Frequenznähe des Tinnitus gebracht. Diese Übung sollte täglich drei Mal für die Dauer von jeweils fünf Minuten durchgeführt werden.
Hinweis. Andere erforschte und bewährte Formen der Tinnitus-Therapie werden durch diese OM-Rezitation nicht überflüssig. Die hier dargestellte OM-Rezitation soll vielmehr die anderen bewährten Therapieformen ergänzen. In der Forschung sollte geklärt werden, inwieweit diese OM-Rezitation mit den dazugehörenden Vorbereitungen geeignet ist, Tinnitus allein zu therapieren. Die hier dargestellte Form ist eine Möglichkeit der Konfrontation und als verhaltenstherapeutisch kompatibles Element der Konfrontation mit Coping-Anteilen einzuordnen. Methoden aus dem Yoga zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese beiden Elemente in sich vereinigen, nämlich das Element der Konfrontation und das Element der Bewältigung ohne weitere äußere technische Hilfsmittel. Dadurch wird diese Methode hochgradig verfügbar und anwendbar. Tinnitus kann aber auch durch konkrete Blockaden im Bereich der Halswirbelsäule und der Kaumuskulatur entstehen und aufrechterhalten werden. Diesen Ursachen sollte in jedem Fall getrennt von allen anderen Ursachen nachgegangen werden.
Wie du dir bei Tinnitus selber helfen kannst
Bei Tinnitus haben wir es mit beschädigten Gehörzellen zu tun. Die Schädigung entsteht aufgrund einer stressigen Situation, wie z.B. hohe nervliche Belastung oder große Lautstärke. Besteht die Beschädigung noch nicht allzu lang, dann besteht die Chance auf Heilung. Die Schulmedizin geht davon aus, dass die Zeitgrenze bei sechs Monaten liegt. Das heißt bei einer Schädigung im Zeitraum von bis zu sechs Monaten bestehen gute Heilungschancen. Darüber hinaus spricht man von einem chronischen Tinnitus.
Der Stressreiz verursacht im Ohr vermutlich eine Mangeldurchblutung, die zu einer Unterversorgung der Gehörzellen führt. Dies führt zu einer Mangelernährung der Gehörzellen so dass sie Signale nicht mehr erkennen können. Die Tatsache das keine Signale von den Gehörzellen mehr ans Nervensystem geliefert werden führt dazu, dass der irritierte Hörnerv selbst Signale produziert. Diese Fehl-Signale sind der Tinnitus.
Wenn der Tinnitus also recht akut ist, kann es helfen für eine verbesserte Durchblutung der Ohren zu sorgen. Dies sollte unbedingt in Kombination mit Entspannungen geschehen. In entspannten Zustand werden die Uhren deutlich besser durchblutet. Jegliche Maßnahmen die Blut in die Ohren lenkt ist dann deutlich hilfreicher. Daraus ergibt sich das es Sinn macht zunächst eine Entspannung herbeizuführen und dann Übungen zur besseren Durchblutung der Ohren zu praktizieren. Dazu später mehr.
Bei chronischen Tinnitus sind dieselben Übungen ebenfalls sehr nützlich. Allerdings darf man hier nicht mehr mit einer Wiederherstellung des vorherigen Zustand rechnen. Stattdessen ist zu Üben mit dem Ton entspannt zu leben. Je entspannter und gelassener du bist, desto weniger fühlst du dich von diesen Fehlgeräuschen gestört. Es kann sogar geschehen, das in einer Meditation der Ton scheinbar völlig verschwindet. Meditierende Menschen mit Tinnitus haben wir schon berichtet, das sie irritiert aus der Meditation aufgeschreckt sind, weil der Ton plötzlich weg war. Sie hatten sich so sehr an ihren Ton gewöhnt, dass sie sich ohne ihn nicht mehr wohl fühlten. Diese Entdeckungen hatte sie selber sehr erstaunt. Sie haben darüber gelacht.
• Als Entspannung ist jede Entspannungsübung geeignet, mit der du sehr gut zurecht kommst. Du kannst die klassische Yogaentspannung wählen, Autogenes Training, Yoga Nidra, oder jede andere Entspannung die bei dir sehr gut wirkt.
• Integriere in dein regelmäßiges Pranayama sehr viel Wechselatmung.
• Dann kannst du Bhramari üben, um über die Vibrationen die Ohren von innen zu massieren. Dazu wähle einen Ton, dessen Vibration du ganz besonders gut im Ohr spüren kannst. Es gibt keinen absolut richtigen Ton, sondern es geht um den Ton den du selbst dort besonders gut spürst.
• Nach Brahmari übe eine Zeit den Soham-Atem. Beim Soham Atem atme mit einem stimmhaften SO ein, und einem langen weiten HAM wieder aus. Besonders beim HAM, dem Ausatem, ist es wichtig den Mund sehr weit zu öffnen. Damit erreichst du eine starke Entkrampfung der Kiefer- und Ohr-Muskulatur. Auch die Durchblutung in diesem Bereich wird gefördert.
• Desweiteren kannst du Karna-Mudra üben. Dazu lege die Kuppen deiner Zeigefinger rechts und links auf die Ohrknöpfchen, und schließe die Ohren sanft. Halte sie eine Zeit lang sanft geschlossen. Danach drücke sie eine Zeit lang rhythmisch in den Gehörgang hinein, bis sie warm sind.
• Zum Abschluss dieser Übung ziehe sternförmig an der Ohrmuschel nach außen, so du die Dehnungen bis in die Tiefe des Gehörs ganz deutlich spüren kannst.
• Um die Ohren mit mehr Blut zu versorgen sind in den Asanas Umkehrstellungen wie der Kopfstand oder der Schulterstand sehr gut geeignet. Auch der Hund und der Handstand sind sehr sehr gut geeignet. In jeder Umkehrstellung wird der Kopf besonders gut mit Blut versorgt. Die Ohren natürlich auch.
• In deiner Meditation konzentriere dich auf die Wahrnehmung von innerer Weite. Dazu kannst du dir vorstellen das Deine Ohren immer größer und weiter werden. Du kannst dir auch vorstellen, das du durch die Ohren aus und ein atmest. Dabei lasse die Ohren immer weiter werden. Irgendwann sollten sie so groß sein das du das Gefühl entwickelst sie umfassen den gesamten Kosmos. Das Gefühl von Weite in den Ohren wirkt dem Tinnitus unmittelbar entgegen.